["Der Markuslöwe: Pax Tibi Marce Evangelista Meus"]
So, wie ich es sehe, tut einem das Touristendasein von Zeit zu Zeit ganz gut. Allerdings nicht gerade im Sinne frischer, anregender Eindrücke, sondern eher als gnadenlose Bestandsaufnahme der eigenen Existenz [...] Sie [die Reisen] offenbaren nämlich eine Lebenslüge, genauer gesagt, sie widersprechen meiner Vorstellung von mir als echtem Individuum.
[David Foster Wallace »Consider the lobster« (2004)]

Warum die Hast, immer gelaufen, gerannt, etwas zu verpassen, Leben zu verpassen, daß ich immer an einer anderen Stelle sich abspielen sah oder meinte, es spiele sich immer irgendwoanders ab als gerade da, wo ich war.
[Rolf Dieter Brinkmann »Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand« (1972)]

Goethe zeichnete
alles wir
knipsen
[Erich Arendt »Erice« (1972)]



10.02.2014 Bergamo, Porta San Giacomo
»PAX TIBI MARCE EVANGELISTA MEUS«. Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist. Mit diesen Worten soll ein Engel Markus in der Lagune von Venedig begrüßt haben. Es muss eine ehrfurchteinflößende Erscheinung gewesen sein, der übergroße Engel so in der Höhe über dem Wasser mit gleißender Aura und die Finger zum Segen gesenkt. Zugleich liegt auch etwas Vertrautes in seiner Stimme, die Markus bei seinem Vornamen und mit Fürwort anspricht, das Zugehörigkeit und Nähe ausdrückt. Diese Worte zieren auch das marmorne Tor zur Oberstadt Bergamos, das ich auf meinem Weg zur Universität durchschreite. Unter einer Bahnbrücke mache ich einen Bogen um einen fußkranken Bettler, der an die Fensterscheiben der wartenden Autos klopft und mir etwas unheimlich ist. Auf der Via San Bernadino komme ich an einer Bibliothek und einer Gelaterie entlang, wo ich mich mit einem kleinen Kaffee für den Aufstieg in die città alta stärke, der Altstadt Bergamos. Die Via Allesandro läuft an der Piazza Pontida vorbei. An diesem Morgen bieten Bäuerinnen aus den umliegenden Dörfern ihre Waren feil. Gurken, Paprikas, Salatköpfe, Pepperoni und Tomaten an Ranken stehen im nassen Plätschern des Brunnens. Hinter der Basilika weichen die Läden der città bassa allmählich den Wohnhäusern am Hang. Die Wege werden nun enger und sie sind mit unbehauenen Steinen und Platten an den Rändern ausgelegt, die die Bergamasken im Vorübergehen höflichkeitshalber den Alten überlassen. Von den Steinbögen der Mauern hört man den Regen des Vortages tropfen und in einem Rinnsal den Weg hinabfließen. In der Ferne sehe ich die Silhouette der Alpen sich wie die Schultern von Riesen erheben. Aus dem Dunst ragt mir eine schwere Brücke entgegen, über die ich schwankend bis zum Porta San Giacomo vortrete, dem Eingang zu der venezianischen Festungsstadt, wo man den Markuslöwen postiert hat. »Friede sei mit dir«, brüllt dieses majestätische Ungeheuer mit gelockter Mähne und Adlerschwingen mir entgegen. Fast möchte ich etwas geduckt an ihm vorbeihuschen. Unter der Pranke hält es ein Buch, aber ohne es zu zerdrücken sondern behutsam, wie ein Löwe auf sein Junges achtgibt. Der Markuslöwe ist nicht nur Bewahrer der Heiligen Schrift im engeren Sinne, sondern er ist auch grimmiger Verteidiger des geschriebenen Wortes, der Literatur. Ein pussierliches Tierchen, denke ich mir auf dem Weg zur Universität in der Via Salvecchio, wo gleich das Seminar stattfindet. Sein Begrüßungsschrei von oberhalb des Tors ist auch der Eintritt in eine neue Phase meines Studiums, des Lesens und Reisens im Ausland.

14.02.2014 Milano 
Am Valentinstag begab ich mich per Zug nach Mailand, wo Händler unter den Arkaden des Hauptbahnhofes ihre Rosen verkauften. Es ist ein grobschlächtiges Gebäude im Stil eines überzogenen Klassizismus, wie er sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem italienischen Faschismus annähert. Die Dimensionen übersteigen den Bereich des menschlichen und wirken in keiner Weise wohnlich sondern ausschließlich erdrückend. Ich entfernte mich auf der Via Vittor Pasanii, einem breiten Straßenband, wo vor den Schaufenstern die gutbetuchten Fashionista marschieren und milanesischen Geschäftsleute telefonieren. Es ist das geschäftige und glamouröse Milano da bere, wo man sein gutes Auskommen in der Auto- oder Modeindustrie findet und sich in der Galleria Vittorio Emmanuele II. zu einem Aperitivo mit Freunden trifft. Mailand erscheint mir eher getrieben, als habe dieser Rausch einen bitteren oder galligen Nachgeschmack hinterlassen. Der Duomo passt sich mit seinem gotischen Stil ein. Im Palazzo Ducale am Domplatz gibt es eine Ausstellung mit Andy Warhols berühmtesten Kunstwerken. Es hängen dort die Campbell Soup Can, die Electric Chairs und die Cow Wallpapers, aber besonders gut gefällt mir das Ultima Cena, Jesus letztes Abendmahl in grellrosa Farben getüncht. Pop Art passt gut nach Milano. Es geht um die Frage, ob ein Gegenstand wie das letzte Abendmahl seine Aura verliert, wenn er massenhaft nachproduziert und Ware wird. Warhols die Suppendose mit ihrer Zylinderform ist der Blick auf eine Lebenswelt, in der die Versorgung der Gesellschaft durch Wirtschaft und Handel bis zum Überfluss abgeschlossen ist. Es geht nur noch um die Vorstellung von ästhetischen Werten und einer Ästhetisierung des Realen mit den Mitteln des Designs und der Architektur geht. Sie dienen ausschließlich der Lebenssteigerung und einem ästhetischen Bedürfnis, die Welt zu sehen, das eher noch gesteigert wird, wenn man ihm entspricht.
16.02.2014 Bergamo/ Vitry-le-François
Michel de Montaigne ist meines Wissens nach nie in Bergamo gewesen, auch nicht während seiner Kurreise durch Italien über die Schweiz und Deutschland. Aber er kommt durch Vitry-le-François, einen unbedeutenden Ort im Osten Frankreichs, über den Montaigne schreibt und von wo aus er mir unerwartet den Schlüssel zum Verständnis der Colleoni-Kapelle an der Südseite der Piazza Vecchia in Bergamo zukommen lässt. Montaigne erfährt in Vitry-le-François die Geschichte einer zweiundzwanzigjähigen Frau aus besagtem Dorf namens Marie, die höher als gewöhnlich gesprungen sei, woraufhin ihr männliche Geschlechtsorgane aus dem Inneren des Körpers gefallen seien sollen und sie sich – in einen Mann verwandelt habe. Fortan soll sie als unverheirateter Mann mit Bart unter dem Namen Germain im Dorf gelebt haben und angeblich würde man in der Gegend um Vitry-le-François immer noch das Lied von Marie Germain singen, um die Mädchen vor allzu hohen Sprüngen zu warnen, damit sie sich nicht in Männer verwandelten. Montaigne schreibt über Marie Germain, diese vermutlich intersexuelle Person mit weiblichem und männlichen Vornamen, in seinem Essay De la Force de l‘Imagination und seinem Reisetagebuch um 1580. Es ist recht unerheblich, ob er Marie Germain je in Realität getroffen hat oder Montaigne die Geschichte – was wahrscheinlicher ist – nur durch Hörensagen erreicht hat. An einer Stelle sagt er sinngemäß, dass Männer und Frauen (in dieser Reihenfolge bei Montaigne) aus derselben Gussform gemacht seien und sich der Unterschied zwischen ihnen nur durch die Institution der Geschlechter und die Gewohnheit ergeben würde, Geschlechter also kulturell durch Einbildungskraft gemacht seien. Montaigne geht weiter davon aus, dass das weibliche und männliche Geschlecht miteinander identisch und ihre Organe gleich seien, beziehungsweise, dass es überhaupt nur ein einziges Geschlecht gebe und sich beide anatomisch gesehen nur durch die unterschiedlichen Lagen ihrer Organe im Körper unterscheiden würden. Vagina, Gebärmutterhals, Samenleiter, weiblicher Hoden und Gebärmutter entsprechen in dieser Vorstellung spiegelbildlich Vorhaut, Penis, Hoden, Samenleiter und Hodensack sowie vice versa. Das weibliche Geschlechtsorgan ist demnach das umgestülpte Geschlechtsorgan des Mannes, das im Inneren des Körpers liegt wie umgekehrt das männliche Geschlechtsorgan das ausgestülpte Organ der Frau ist und sich außerhalb des Körpers befindet. Frauen können sich, so die Idee, dann durch äußere Einwirkungen auf das Geschlecht Hitze, Anstrengung oder Gewalt wie etwa einen Sprung, zu Männern verwandeln. Diese Vorstellung des einen Geschlechts ist aber keine Erfindung Montaignes, sondern geht auf die einflussreichen medizinischen Schriften Galenos von Pergamom zurück und es gibt auch im Mittelalter chansons de geste, die ähnliche Geschichten von Metamorphosen erzählen – diese wirkmächtige Einbildung kann also als einigermaßen bekannt vorausgesetzt werden.
Die Geschichte von Bartolomeo Colleoni, dem Namenspatron der Kapelle in der Altstadt Bergamos, vor der ich mich befinde, ließe sich auf ganz ähnliche Weise wie die der Marie Germain erzählen. Colleoni stellte seine Fähigkeiten als condottiere, sprich als Söldnerführer in die Dienste Venedigs, der Serenissima Repubblica di San Marco, und brachte es durch erfolgreiche Schlachten zu beachtlichem Reichtum. Noch vor seinem Tode hat er diese prunkvolle Renaissancekapelle als ein Mausoleum für seine Familie und sich gleich neben dem Dom anlegen lassen, damit sie auch nach dem Tode des Feldherren von seinem Ruhm künde. Man hat Intarsien aus verschiedenfarbigem Marmor aus Verona in einem schönen Würfelmuster aufgetragen, dessen Thema auch im Fenster aufgegriffen wird, das eine Art Glücksrad darstellt. Zu beiden Seiten der Fensterrosette sind Büsten in die Fassade eingelassen, die ich ohne Hilfe meines Reiseführers nicht erkannt hätte. Es sind die Abgüsse von Alexander dem Großen und Julius Cäsar, dessen Ausspruch »Alea iacta est« das Motto der Kapelle dieses Recken sein könnte. Bartolomeo Colleoni sieht sich unverhohlen in der Nachfolge dieser großen Imperatoren und es muss auf ihn wohl so gewirkt haben, als habe das Schicksal gewollt, dass er ungeschlagen vom Schlachtfeld abtritt. Im Inneren der Kirche erzählt eine Abfolge von Wandmalereien die Kämpfe des Herakles nach, die Tötung des nemeïschen Löwen, die Bezwingung der Hydra oder die Bändigung des kretischen Stiers, um die Feldzüge des condottiere zu mythischen Großtaten zu erheben. Es sind keine zeitgenössischen Abbildungen von Colleoni erhalten, weshalb er als Mann mit vollen oder ausgemergelten Wangen, mit grauem oder dunklerem Bart, mit mehr oder weniger Haar gleichermaßen dargestellt wird, aber immer gut gewappnet mit Rüstung und oft zu Pferd wie das Reiterstandbild belegt, das man ihm zu Ehren kurz nach seinem Tod in Venedig gebaut hat. In der Kapelle in Bergamo steht ein vergoldetes Reiterbild auf dem Deckel des gemeinsamen Sarkophags der Familie, das Bartolomeo in Wams mit Stiefeln und einer Art Stab auf einem Pferd zeigt, das den rechten Vorderlauf hochzieht und etwas dämlich schaut als würde es gleich zu einem missglückten Sprung ansetzen. Dort liegen seine Frau Tisbe und die Tochter Medea bestattet, deren Namen wiederum zur mythischen Selbstdarstellung Colleonis passen würden. Beim Verlassen der Kapelle bemerke ich Reliefs an der Kupferpforte, links der Kopf Colleonis und rechts der seiner geliebten Tochter Medea, die schon im Alter von zwölf Jahren gestorben sein soll. In der Mitte fällt mir ein Wappen mit drei Punkten darauf auf, die ich mangels heraldischen Wissens, zunächst für Tröpfchen halte. Im Gegensatz zum Rest des Zauns sind sie kupferfarben und ganz blank und bald sehe ich jemanden, der sie berührt, wohl in der Hoffnung, dass etwas vom Glück Colleonis abfärben würde. Ich finde so heraus, dass es sich um das Familienwappen Colleonis mit drei stilisierten Hoden handelt. Allein der Familiename Colleoni hört sich schon an wie das italienische Wort coglione, was so viel wie «Arsch», «Schwanz» oder «dummer Sack» heißt. Man hat nie einen anatomischen Beweis für den dritten Hoden Colleonis gefunden, auch nicht bei der Exhumierung im Jahr 1969 als man danach suchte. Es bleibt unklar, ob Colleoni vielleicht unter Polyorchidismus litt, einer seltenen Krankheit, die nur mit circa zweihundert Fällen belegt ist. Dort bildet sich ein dritter Hoden links neben dem Hodenpaar. Der zusätzliche Hoden soll keine gesundheitlichen Nachteile haben, allerdings kleiner als die beiden übrigen sein. Auf dem Heimweg von der Dreihodenkappelle dachte ich mir, es müsste doch eine irgendwie schambehaftete und ehrrührige Angelegenheit für so einen virilen condottiere sein, doch irgendwie hat es der dritte Hoden gewissermaßen aus der Hose auf das Wappen geschafft. Dann stelle ich mir vor, dass Colleoni nach einer hitzigen Schlacht, bei dem sein Ross vielleicht eine kühne Volte oder einen zu hohen Sprung gewagt hat, über Übelkeit, Hüftgelenk- und Lendensteife klagt. Und vielleicht hat der Leibarzt, ein Mediziner und früher Urologe vertraut mit den Schriften des Galenos von Pergamom, dann ein zusätzliches Skrotum entdeckt und gefolgert, es müsse Colleoni wie später der Marie Germain aus dem Körper gefallen sein.
19.02.2014 Bergamo
Seit zwei Tagen habe ich mich in mein Zimmer zurückgezogen, nachdem ich die Symptome einer Erkältung an mir feststellen konnte. Bei meiner Ankunft in Bergamo hatte es schwer geregnet. Venedig meldete acqua alta, Hochwasser in der Altstadt. Glücklicherweise hat mich nach der langen Fahrt über die Schweiz ein Student vor dem Bahnhof getroffen. Gemeinsam wuchteten wir den schweren Koffer unter einem Regenschirm bis zum Studentenwerk. Dort erklärte mir ein Mitarbeiter, dass ich entweder einen Vertrag haben könne und die volle Miete bezahle, oder ohne Vertrag nur die Hälfte aufbringen müsse. Dergestalt war meine erste Begegnung mit der Verwaltung und so bekam ich meine Schlüssel. Durchnässt von kaltem Regen und Schweiß erreichte ich mein Zimmer in der Via Berizzi. Auf dem Heimweg muss ich mich erkältet haben. Diese Erkältung pflegt ein innigeres Verhältnis zu mir als ich zu ihr. Seit zwei Tagen plagen mich Hustenreiz und Gliederschmerzen, wozu noch ein Fieber kam. In Bergamo grassiere eine Grippe hatte man mir im Studentenwerk gesagt. Ich legte mich auf das Bett und ein Bonbon auf meine Zunge. Es ist ein Kräuterzucker, so ein doppelverpacktes schweizerisches Zückerli mit glatten Flächen und rauen Seiten. Im Bett liegend achtete ich fieberhaft darauf, das Bonbon so zu entwickeln, dass sich der innere Teil um die innere Achse dreht. Man nehme dazu die äußeren Seiten zwischen zwei Finger, vorzugsweise Daumen und Zeigefinger, und ziehe an den Laschen. Mit dem Bonbonpapier entwickeln sich einige der dreizehn Kräuter auf einem Saumpfad von grellem gelb. Wie bei einem Thaumatop verschwimmen die Unterschiede zu einem Bild in meinen geschlossenen Augen. Beim Äskulap, ich würde schwören, auf einer Bergwiese in der Schweiz zu stehen, dort: Spitzwegerich, Schafgabe und Schlüsselblume. Vor einigen Tagen war ich hier vorbeigefahren. Am nächsten Tag war ich wieder gesund.
23.02.2014 Brescia, Flugplatz Montichiaria
Man muss sich den schlaksigen Franz Kafka mit Broschüre in der Hand auf den billigen Plätzen zwischen den Hangars und Tribünen des Flugfeldes von Brescia Montichiara auf einer Holzkiste oder einem wackeligen Stuhl stehend vorstellen. Vielleicht trägt er einen jener kreisrunden Strohhüte mit breitem Band, einen cappello di paglia oder gar eine extravagante paglietta bei dem Versuch, mit einem Opernfernglas über den Drahtzaun hinweg einen Blick auf die Flugschau von Brescia im September 1909 zu erhaschen. Am Vorabend war er aus Riva am Gardasee angekommen, wo er mit den Gebrüdern Brod zuvor einige Tage Badeurlaub verlebt hatte. Die Zugfahrt von Prag über München und den Brenner nach Norditalien mag wohl mehr als zwanzig Stunden gedauert haben und eine echte Strapaze für den Versicherungsangestellten gewesen sein. Für mich ist es einigermaßen schwierig, mir Kafka nicht in der Kammer am Schreibpult in geistiger Arbeit versunken vorzustellen, sondern draußen im Freien an der Luft und mit einer anderen Körperlichkeit als einer kränkelnden. Dabei unternimmt er durchaus kleinere und mittelgroße Reisen, Spaziergänge, Ausflüge oder Kuraufenthalte. In Amerika war er physisch gesehen nie und auch in Italien, im Land, wo die Zitronen blühen, bleibt er Zaungast: «Da ist nichts zu beklagen, man kann eben in einer kleinen Flugwoche nicht Italiener werden», schreibt Kafka lakonisch am Anfang von Die Aeroplane in Brescia, seinem kurzen Reisebericht für die Zeitung Bohemia. Dem Et in arcadia ego, diesem pathosschweren, tragischen Ausruf »Auch ich in Akadien«, der lange in der umfangreichen deutschen Reiseliteratur über Italien nachhallte, entgegnet Kafka mit seiner gerade einmal drei Seiten umfassenden Aufzeichnung ein gleichermaßen kurzes wie lapidares Non ego, «Ich nicht». Statt bukolischer Beschreibungen italienischer Landschaften liefert Kafka die Beschreibung eines nahezu leeren Platzes, einer Flugpiste, die er als «künstliche Einöde» bezeichnet und die so gesehen ein Nicht-Ort am Rande einer literarisch ohnehin weniger aufgeladenen Stadt Norditaliens ist. Auch die Flugschau erzählt er weder als technisches Leistungsspektakel von Höhen- und Schnelligkeitsrekorden noch als mythisch überhöhte Fahrt eines Ikarus zur Sonne. Stattdessen hält sich Kafka in auffälliger Weise mit Nichtigkeiten wie dem Preis der Kutschfahrt, den Pannen der Flugapparate oder den berühmten Aviatikern auf, wie Mario Calderara, Glenn Curtiss und Louis Blériot, deren körperliche Erscheinung doch stark mit den ihnen vorauseilenden Heldentaten kontrastieren. Blériot war einige Zeit vorher als erster Mensch über den Ärmelkanal geflogen. Ist einmal eine dieser Flugmaschinen unter dem Applaus des Publikums abgehoben, muss es ein ohrenbetäubender Lärm gewesen sein, denn die Apparate flogen nur wenige Meter über den Köpfen der Zuschauer und nur so hoch, dass man den Piloten noch zurufen konnte, bevor der Motor sie mit Ruß und Öl bespritzte. Vielleicht musste auch Kafka bei einem dieser Überflüge mit der Hand seinen Hut festhalten und sah aus dem Augenwinkel, wie sich auf den Rängen der Tribüne die italienische Prominenz duckte, der König Vittorio Emmanuele III. etwa oder der große Opernkomponist Giacomo Puccini sowie der Schriftsteller Gabriele D‘Annunzio. Letzterer ist der Antagonist Kafkas in dieser Erzählung. Kafka beschreibt ihn als «klein und schwach». Schon in seinem Roman Forse che sì forse che no schwadroniert D‘Annunzio vom Aviatiker als Heros und Übermensch und 1918 wird er selbst in einen Doppeldecker von Caproni steigen, um über Wien Pamphlete mit kriegstreiberischen Grußworten wie Bomben abzuwerfen. Bei einer Bruchlandung verliert D‘Annunzio ein Auge, was dem Charisma des Finsterlings, der es so darstellt, als sei er im Gefecht geblendet worden, allerdings keinen Abbruch tut, sondern im Gegenteil späterhin noch die Anerkennung des Duce höchstpersönlich verschafft. D‘Annunzio muss sich maßlos über die Bemerkungen des Prager Versicherungsangestellten geärgert haben. Die Erzählung Kafkas gewinnt dadurch an Fahrt, dass man perspektivisch mit ihm durch das Fernglas auf die Ereignisse oder vielmehr die Nichtereignisse rund um den Flugplatz schaut, die er in so leichten und flüssigen Abläufen schildert, dass man sie wie im Film vor sich abrollen sieht, bis die Erzählung gewissermaßen abhebt und per Perspektivwechsel vom Sitz des Fliegers den Blick zurück auf den Boden gibt. Für mich eigentlich die beeindruckendere Kunstdrehung, denke ich mir an der Station von Brescia, als ich die von der Fahrt etwas zerknitterten Seiten von Kafkas Reportage in meinen Rucksack einstecke. Vor dem Bahnhof sehe ich auf der Anzeigetafel eines Busses den Namen D'Annunzios blinken und bin für den Rest des Tages irritiert, dass man den Flughafen von Brescia nach diesem Dilettanten und nicht nach Kafka benannt hat.
["Marvis: Il piacere del gusto."]
07.03.2014 Bergamo, Badezimmer
Vor dem Spiegel stehend schraube ich jeden Morgen die achteckige Kappe der Zahnpastatube ab und lege eine linsengroße Menge auf die Borsten meiner Zahnbürste, bevor ich sie mit Wasser benetze. Auf der mintgrünen Pappschachtel heißt es: »Il piacere del gusto! Le plaisir du goût! The pleasure of taste! Die Freude am guten Geschmack!« und auf der Frontseite ist das gerahmte Portrait eines Edelmanns mit Lockenperücke aus dem 18. Jahrhundert zu sehen, wie Leclerc de Buffon vielleicht, der gesagt hat, der Stil sei der Mensch selbst. Es ist weniger die Art von Tube, aus denen Heilsalbe, Farbe oder Senf mit einem prosaischen Schmatzen in die Welt fallen, sondern eine Tube mit einer kleinen, ganz vornehmen Öffnung wie eine gute Handcreme. Drückt man auf die Tube, kommt nicht eine Wurst sondern ein wohlgeformter Tropfen heraus – man hat gleich das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun. Was ist eigentlich der ontologische Status einer Zahnpasta? Mittlerweile weiß man, dass Granulate, kleinste Stoffreste und -spuren solcher Produkte im Wasser und sogar im Körper anderer Lebewesen nachweisbar sind, etwa in den Gehirnen von Orcas, Orcinus orca, Meine Zähne putze ich mir, so wurde ich diszipliniert, mindestens drei Minuten lang. Auf der Tube steht wetier: »Die cremige Zahnpasta bietet ein intensives Geschmackserlebnis und hilft, Zahnbelag zu entfernen, für weiße Zähne und ein strahlendes Lächeln. Unverwechselbares Pfefferminz-Aroma für intensiven Genuss und Frische.« Die Zahnpasta verkauft sich primär über eine ästhetische Erfahrung für den Geruchs- und Geschmacksinn. Wobei ich mich schon frage, wie achtsam man sein, muss, aus dem Zähneputzen ein ästhetisches Erlebnis zu machen. Der zahngesundheitliche Aspekt ist nur nachrangig und wird genauso verschämt nachgeschoben, wie der Ahnherr des guten Geschmacks auf der Vorderseite schaut. Er lächelt übrigens ohne Zähne. Seit wann putzen sich Menschen eigentlich die Zähne? Bestimmt könnte man anthropologisch argumentieren, dass das menschliche Gebiss so beschaffen sei, dass es sich bei jedem Bissen wie ein Stößel reibt und dabei immer schon selbstreinige oder, dass man durch das Kauen auf Getreideähren oder Sand ähnliche Resultate erzielen kann, wie ich mit den Borsten meiner Zahnbürste – eine These, der ich in meinem Badezimmer paläontologisch leider nicht weiter nachgehen kann. Man könnte aber auch kulturgeschichtlich daherkommen und nachweisen, dass man sich bereits im Barock die Beißer geputzt habe, um etwas gegen die vanitas zu tun? Am Hofe von Louis XIV. muss das Zähneputzen doch ein Staatsakt ganz fein mit Utensilien aus einem Etui gewesen sein, oder man wird sich doch zumindest das Maul mit einem Flakon wie mit einem Mundspray parfümiert haben? Ich stelle mir vor, dass man im 18. Jahrhundert weitschweifend über das Für und Wider des Zähneputzens disputiert hat und moralische, staatspolitische und ästhetische Gründe gleichermaßen angeführt hat. Körperliche Pflege, Hygiene und Physiognomie der Zähne weisen pars pro toto die Charakterbildung aus, wenn man Buffon glauben mag. Der unangenehmste Teil des Zähneputzens ist übrigens der Strich über den Zungenrücken. Dieses Verhalten muss jüngeren Datums sein und es verursacht mir Brechreiz. Es ließe sich eine ganze Geschichte dieser Alltagspraktik schreiben, aber vielleicht steigen mir auch nur die Granulate in meine Gehirnwindungen.